Drittmittelprojekte

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I. Kulturen der Intelligence, 2013 – 2016.

Laufzeit:  Januar 2013 – Oktober 2016
Bewilligte Mittel: 175.000,-- Euro; 234.000,-- £
Drittmittelgeber: Gerda Henkel-Stiftung, Landesgraduiertenförderung Rheinland-Pfalz; Arts & Humanities Research Council
Projektleiter: Prof. Dr. Sönke Neitzel (LSE), Prof. Dr. Simon Ball (University of Leeds), Prof. Dr. Philipp Gassert (Universität Augsburg), Prof. Dr. Andreas Gestrich (DHI London)
Projektmitarbeiter: Dr. Alan McLeod (Leeds), Frederik Müllers M.A. (Mainz/Potsdam), Michael Rupp (London/Potsdam), Bernhard Sassmann, M.A. (Augsburg)

Der zunehmende Nationalismus sowie der gesellschaftliche und technische Wandel veränderten seit dem späten 19. Jahrhundert nicht nur die Formen der Kriegsführung, sondern auch das System der Internationalen Beziehungen grundlegend. Dies initiierte in Europa und den USA einen Prozess der Professionalisierung, Technisierung und Verwissenschaftlichung der militärischen Nachrichtendienste und des von ihnen betriebenen Erfassens, Sammelns und Auswertens von Informationen.

Das Projekt untersucht, wie sich dieser Prozess in Deutschland, Italien, Großbritannien und den USA gestaltete. Dabei wird danach gefragt, inwieweit sich im Zusammenspiel nationaler Geheimdiensttraditionen, jeweiliger kultureller Repräsentationen der Geheimdienste in Literatur und Medien sowie der Praxis nachrichtendienstlicher Arbeit spezifische nationale Intelligence-Kulturen herausbildeten. Unter einer „Kultur der Nachrichtendienste“ werden dabei spezifische Formen der Orga­ni­sation, Struktur und Zielsetzungen der Dienste, ihrer strategischen, operativen und taktischen Arbeit verstanden, welche  in innergesellschaftlichen Diskursen ausgehandelt werden. Die Aktivitäten der Nachrichtendienste werden dabei nicht nur als Produkte militärischer Zwecküberlegungen verstanden. Sie sind vielmehr in den Kontext mit gesellschaftlichen Diskursen zu setzen.
Zum ersten Mal wird danach gefragt, inwiefern und in welchen Bereichen es national übergreifende Muster geheimdienstlicher Diskurse und Praktiken gab, z.B. als Folge transnationaler Interaktion bzw. wechselseitigen Wahrnehmung und „Perzeption“. Damit wird die erste komparative Kulturgeschichte der Nachrichtendienste erarbeitet, die Intelligence in ihre bislang vernachlässigten soziokulturellen Kontexte eingebettet und einem bisher überwiegend von Institutionen- und politikgeschichtlichen Ansätzen geprägten Forschungsfeld neue Impulse verliehen.
In einem ersten Schritt soll von einem Post-Doc und vier Doktoranden primär der öffentliche Diskurs über die Geheimdienste in Deutschland, Großbritannien und den USA untersucht werden. Auf dieser Grundlage werden die Projektleiter in einem zweiten Schritt die Wechselwirkungen von Öffentlichkeit und nachrichtendienstlicher Praxis erarbeiten und überprüfen, inwieweit sich im Zuge der Professionalisierung der Wissensproduktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spezifische Intelligence-Kulturen herausgebildet haben.
Die Untersuchung reicht zeitlich von den Anfängen einer modernen Nachrichtendienststruktur Ende des  19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Höhe- und Endpunkt einer ersten Entwicklungsphase moderner Nachrichtendienste.

II. „Referenzrahmen des Krieges. Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939-1945"

Laufzeit:  Oktober 2007 - September 2012
Bewilligte Mittel: 370.000,-- Euro
Drittmittelgeber: Gerda Henkel-Stiftung; Fritz Thyssen-Stiftung
Projektleiter: Prof. Dr. Sönke Neitzel (Universität Mainz/Glasgow), Prof. Dr. Harald Welzer (KWI Essen)
Projektmitarbeiter:  Dr. Christian Gudehus, Essen; Dr. Amedeo Osti Guerrazzi, Rom; Dr. Felix Römer, Mainz; Dr. Michaela Christ, Essen; Sebastian Groß, M.A., Mainz; Tobias Seidl, M.A., Mainz sowie zehn Magisterkandidaten (Mainz, Bern) und 14 studentische Hilfskräfte (Mainz)

Das von Prof. Dr. Sönke Neitzel und dem Essener Sozialpsychologen Prof. Dr. Harald Welzer in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom geleitete Projekt rekonstruierte erstmals umfassend, wie deutsche und italienische Soldaten den Krieg wahrgenommen haben, als er geschah, indem es einen von der Forschung noch nicht genutzten Quellenkorpus auswertete: Zum einen handelte es sich um Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher und italienischer Kriegsgefangener in britischem Gewahrsam, die in den Jahren 1940 bis 1943/45 entstanden sind. Dieser ungeheuer facettenreiche, rund 50.000 Seiten umfassende Bestand wurde mit dem interdisziplinären Ansatz der Referenzrahmenanalyse erschlossen und ausgewertet. Zum anderen wurden Abhörprotokolle von Gesprächen deutscher Kriegsgefangener in amerikanischem Gewahrsam, die in den Jahren 1942 bis 1945 entstanden sind, analysiert. Dieser Bestand umfasst über 2.400 Aktenvorgänge mit insgesamt etwa 102.000 Seiten und lagert in den Washingtoner  National Archives. Dieses reichhaltige Material wurde von Dr. Felix Römer erschlossen, bevor auch diese Quellen in einem zweiten Schritt mit dem Ansatz der Referenzrahmenanalyse, einer besonders fruchtbaren Methode an der Schnittstelle zwischen Zeitgeschichtsforschung und Sozialpsychologie, ausgewertet wurden. Darüber hinaus eröffnete das amerikanische Abhörmaterial die einmalige Möglichkeit, die Wahrnehmungsmuster der abgehörten deutschen Kriegsgefangenen mit ihrem soziographischen Profil in Verbindung zu bringen, da der Quellenbestand zu jedem der abgehörten Soldaten ein Formblatt mit personenbezogenen Daten bereithält. Auf diesem Wege wurde rekonstruiert, wie die Angehörigen der Wehrmacht zeitgenössische Situationen während des Zweiten Weltkrieges wahrgenommen und gedeutet haben, was nicht zuletzt dazu dient, ihr Entscheidungsverhalten zu ergründen.
Das Wissen um die Wahrnehmung der totalitären politischen Systeme in Deutschland und Italien, der Kriegsverbrechen, der Binnenstrukturen der Armeen, der Kriegsgegner, aber auch des erwarteten bzw. befürchteten Kriegsverlaufs und der Nachkriegsfolgen konnte anhand dieser Quellen ganz erheblich erweitert werden. Damit erhielt die Forschung einen vertieften Einblick in die Art und Weise, wie Menschen Extremerfahrungen von Krieg und Diktatur wahrnehmen und interpretieren – und dies in international vergleichender Perspektive. Das Projekt lieferte damit einen entscheidenden Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkriegs.

Die Personal- und Budgetverwaltung lag in der Verantwortung von Prof. Neitzel, Universität Mainz.

Zur Untersuchung des Einflusses der regionalen Herkunft gelang es mir zudem, in Österreich das Projekt „Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges  durch österreichische Wehrmachtsoldaten“ zu initiieren, für das der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) 180.000,-- € bewilligte (Laufzeit: November 2009 – Juli 2013). Unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Botz, Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft Wien – und in enger Kooperation mit dem Projekt „Referenzrahmen des Krieges“ – wird hier untersucht, ob es eine spezifisch „österreichische“ Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges gegeben hat.

Aus dem Projekt gingen eine Vielzahl von Veröffentlichungen hervor, darunter bislang sechs Monographien und ein Sammelband:

Christian Gudehus, Harald Welzer, Sönke Neitzel, (Hrsg.), Der „Führer war wieder viel zu human, viel zu gefühlvoll. Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht deutscher und italienischer Soldaten, Frankfurt 2011.
Sebastian Groß, Gefangen im Krieg. Frontsoldaten der Wehrmacht und ihre Weltsicht, Berlin 2012 (= Diss. phil. Mainz 2011)
Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt 2011.
Amedeo Osti Guerrazzi, Noi non sappiamo odiare. L'esercito italiano tra fascismo e democrazia, Turin 2010.
Frederik Müllers, Elite des Führers? Mentalitäten im subalternen Führungspersonal von Waffen-SS und Fallschirmjägertruppe 1944/45, Berlin 2012 (= Magisterarbeit Mainz 2011)
Felix Römer, Kameraden. Die Wehrmacht von Innen. München 2012.
Tobias Seidl, Führerpersönlichkeiten. Deutungen und Interpretationen deutscher Wehrmachtgeneräle in britischer Kriegsgefangenschaft (= Diss. phil Mainz 2011)

 

 

III. „Die Erinnerung an das Dritte Reich im Spiegel von TV-Zeitzeugeninterviews"

Laufzeit:  August 2005 - August 2008
Bewilligte Mittel: 57.000,-- Euro
Drittmittelgeber: Gerda Henkel-Stiftung
Projektleiter: Prof. Dr. Sönke Neitzel (Universität Mainz)
Projektmitarbeiter: Marc Philipp, M.A., vier wissenschaftliche Hilfskräfte

Das Projekt erschloss 1.305 zwischen 1995 und 2004 von der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte im Zuge zahlreicher Fernsehdokumentationen erstellte Zeitzeugeninterviews. Das Datenmaterial wurde quantitativ und qualitativ ausgewertet und so die Erinnerungen dieser Personengruppe an das „Dritte Reich“ systematisch erforscht.
Im Rahmen der Kulturgeschichte spielen Zeitzeugeninterviews als Quelle meist eine untergeordnete Rolle. Bislang war auch keine quantitativ umfassende Grundlage verfügbar, anhand derer es möglich gewesen wäre, über die exemplarische Auswertung von Einzelerinnerungen an das „Dritte Reich“ hinauszugehen. Das Projekt schließt dieses Desiderat und zeichnet ein differenziertes Bild der Zeitzeugenerinnerung an das „Dritte Reich“ nach und ermittelt anhand von ausgewählten Themen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft. Im Rahmen des Projekts ist eine Dissertation entstanden, die im August 2008 abgeschlossen wurde (Marc Philipp, „Hitler ist tot, aber ich lebe noch. Zeitzeugenerinnerungen an den Nationalsozialismus, Berlin 2010).

Prof. Dr .Sönke Neitzel, Universität Potsdam, Historisches Institut, Am Neuen Palais 10, D-14469 Potsdam